1942-43

Stalingrad

Während sich Leningrad noch in der Belagerung befand, die deutschen Truppen vor Moskau gescheitert waren, kämpften im Süden deutsche Verbände um die Halbinsel Krim. Die Eroberung der Krim war die eine Sommeroffensive in Richtung Stalingrad notwendig. Sie sollte die Vorraussetzung sein. In der "Weisung Nr. 41" forderte Hitler: "Die nächsten Aufgaben sind es, auf der Krim die Halbinsel Kertsch zu säubern und Sewastopol zu Fall zu bringen." Die Aktionen sollten von zwei wichtigen Persönlichkeiten, Paulus und Manstein, durchgeführt werden. Die geplante Offensive zur Durchführung der Pläne Hitlers auf der Krim sollte am 17. April 1942 beginnen. Dieser Termin musste aber verschoben werden, und alles bekam nun völlig neue Dimensionen. Denn die Sowjets kamen den Deutschen zuvor und hatten die Initiative ergriffen. Stalin war der Meinung, dass es nun Zeit sei, eine Gegenoffensive zu starten. Am 9. Mai begannen drei Armeen mit massiver Panzerunterstützung den Angriff. Man wollte in einer Zangenbewegung die Deutschen bei Charkow einschliessen und vernichten. Der Angriffswucht der Sowjets hatten die Deutschen nichts entgegenzusetzen. Der Verteidigungsminister triumphierte bereits. Doch er freute sich zu früh. Denn die Wehrmacht holte zu einem Gegenschlag aus. Mit starken Panzerverbänden wollten die Deutschen die langgezogenen russischen Keile abtrennen und einschliessen. Am 18. Mai gelang dieses Vorhaben den Panzern von Generalfeldmarschall von Kleist. Timoschenko bat Stalin, die eingeschlossenen Truppen zurückziehen zu dürfen. Stalin lehnte ab. Die eingekesselten Truppen waren verloren. So ergab sich für Stalin nach zweiwöchigen Kämpfen auf der Krim und bei Charkow folgende Bilanz: Sechs Armeen waren verloren, 1500 Panzer, 3000 Geschütze und 400000 Rotarmisten gingen in deutsche Gefangenschaft und Besitz. Dies waren Zahlen, die die nationalsozialistische Presse für ihre Propaganda auszuschlachten vermochte. Nun befand sich fast die ganze Krim wieder unter deutscher Kontrolle. Nur im Rücken trotzte Europas stärkste Festung den Belagerern - Sewastopol. Sewastopol zeigte schon in der Vergangenheit, wie standhaft es war. Wenn eine Stadt den Namen "Festung" verdient, dann Sewastopol. 100000 Rotarmisten waren in Sewastopol stationiert. Die Versorgung konnte durch das Schwarze Meer aufrechterhalten werden. 1600 Geschütze und Granatwerfer waren in Stellung gegangen, Schützengräben ausgehoben. Dieses Bollwerk zu knacken war das Ziel der Operation "Störfang", die am 2. Juni 1942 begann. Mit der Eroberung betraut wurde von Manstein. Manstein wusste, dass ein Erstürmen der Festung unmöglich war. Also ließ er Artillerie auffahren, alles was die Wehrmacht zu bieten hatte. Darunter waren die neuesten Entwicklungen, wie zum Beispiel die Mörser Odin, Thor und Dora. Dora hatte einen Durchmesser von 80 cm. Dora konnte 40 km weit schießen. Sieben Tonnen wog eine Panzergranate. 4000 Soldaten waren für dieses Geschütz notwendig. Am 3. Juni brach aus 1300 Rohren ein wahrer Feuersturm los. Vier Tage währte dieses traurige Schauspiel. Die Stadt versank in Schutt und Asche. Am 7. Juni traten deutsche Landser zum Sturm an. Doch trotz diese gewaltigen Artillerie Vorbereitung fanden die Deutschen überall noch Widerstandsnester. Die Rotarmisten dachten gar nicht daran, sich zu ergeben. Teilweise wurden nur 40 Gefangene gemacht. Am 3. Juli war das Gemetzel zu Ende. Erneut hatten die Russen bewiesen, wozu der angebliche "Untermensch" fähig war. Auch wenn sie diese Schlacht verloren hatten, so hatten die Rotarmisten den deutschen Landsern gezeigt, wozu Wille und Vaterlandsliebe im Stande waren. In vielen Wehrmachtsberichten zollten die Deutschen den Belagerten von Sewastopol ihren Respekt. Schon während der Belagerung von Sewastopol fanden Vorbereitungen für den Fall "Blau" statt. Hierbei sollte das Gebiet bis zum Donez erobert und gesichert werden. Weiterhin waren der Fluss zu überqueren und Brückenköpfe zu bilden. Damit war die Sechste Armee unter General Paulus betraut. Am 28. Juni begann die Offensive, bei der vom Nordflügel der Heeresgruppe Süd die Zweite Armee, die Zweite ungarische Armee und die 4. Panzerarmee antraten sowie im Süden die Sechste Armee sowie das 40. Panzerkorps unter General Paulus. Das erste Etappenziel hieß Woronesch, die Stadt am Don. Nach wenigen Tagen war der Don erreicht und die ersten Brückenköpfe wurden gebildet. Nun sollte Woronesch eingenommen werden. Den Sowjets waren die Aufmarschpläne der Wehrmacht bekannt, doch die Deutschen trafen auf keinen nennenswerten Widerstand. "Feind völlig überrascht", lauteten die Meldungen. Nach mehreren Kämpfen war der Westteil Woroneschs am 7. Juli unter deutscher Kontrolle. Durch die neue Situation begann Hitler den Angriffsplan zu ändern. Die Heeresgruppe Süd, unter Generalfeldmarschall List, wurde geteilt. Die neue Heeresgruppe A, bestehend aus der 17. Armee und der 1. Panzerarmee sollten die Ölfelder im Kaukasus erobern. Die Heeresgruppe B, unter General Paulus, in der die Sechste und Zweite Armee, die 4. Panzerarmee sowie die 2. ungarische und 8. italienischen Armee eingegliedert waren, sollten Stalingrad erobern. Hitler wollte zwei Ziele mit einmal und splitterte seine Truppenstärke auf. Dies war schon einmal ein Fehler mit fatalen Folgen gewesen. Die Heeresgruppe A sollte zunächst die feindlichen Kräfte im Raum Rostow einschließen: "Nach der Vernichtung der feindlichen Kräftegruppe ist es die wichtigste Aufgabe, die gesamte Ostküste des Schwarzen Meeres in Besitz zu nehmen. Mit einer weiteren Kräftegruppe ist der Übergang über den Kuban zu erzwingen und das Höhengelände von Maikop und Armavir in Besitz zu nehmen. [...] Zugleich ist der Raum um Grosny zu gewinnen." Der Deckname für diese geballte Aufgabenfülle lautete "Edelweiß", die Aufgaben für die Heeresgruppe B fiel dagegen relativ bescheiden aus. "Neben dem Aufbau der Donverteidigung sind im Vorstoß gegen Stalingrad die dort im Aufbau befindlichen Kräfte zu zerschlagen, die Stadt selbst zu besetzen und die Landbrücke zwischen Don und Wolga zu sperren." Diese Operation lautete "Fischreiher". Es fällt auf, dass eine Heeresgruppe mehrere Ziele gleichzeitig erfüllen mussten, schon damals wurden diese Operationen als unrealistisch eingestuft. Hätte die Wehrmacht Erfolg gehabt, hätte sie einen Frontraum von fast 4000 km zu verteidigen gehabt. Der Führer befahl die Operationen noch vor Wintereinbruch zu Ende zu führen, ungeachtet der geographischen Gegebenheiten. Natürlich wusste Hitler von den Schluchten und Gebirgen, doch sein Fehler lag in der Überschätzung seiner Armeen und der Unterschätzung des Gegners. Zwei Wochen dauerte die Operation "Blau" nun schon an, und noch immer war es den Deutschen nicht gelungen, die Sowjets zu einer entscheidenden Schlacht zu stellen. Die Sowjets hatten Hitlers Pläne durchschaut und begannen, sich planmäßig zurückzuziehen. Hitler zog daraus falsche Schlüsse, nämlich dass sich die Sowjets abzusetzen versuchten, weil sie keine nennenswerten Kräfte mehr haben. Am 21. Juli überquerte die 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth den Don östlich von Rostow. Rostow, die Stadt an der Donmündung, Eisenbahnknotenpunkt und wichtiges Verkehrszentrum für den sowjetischen Nachschub. Schon einmal war 1941 Rostow erobert worden, musste aber wieder geräumt werden. Nun nahmen die Deutschen einen erneuten Vorstoß gegen die zur Festung ausgebauten Stadt. Am 25. Juli war nach fünfzigstündigem Ringen die Stadt erobert. Nun war das Tor zum Kaukasus offen, Operation "Edelweiß" konnte beginnen. Deutsche Landser rückten in Richtung Maikop und Grosny. 500 km Steppe lagen vor ihnen und Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius. Am 31. Juli überquerten Einheiten der Wehrmacht die Manytsch-Senke, deutsche Soldaten betraten damit erstmals asiatischen Boden. Die 1.und 4. Panzerarmee rückte auf Strawopol vor, das am 4. August fiel. Weiter ging es bis zum 9. August. An diesem Tag erreichten deutsche Panzer Maikop und eroberten die Stadt. Das eigentliche Ziel, die Ölbohrtürme zu erobern, blieb ihnen verwehrt, da die Sowjets diese in Brand gesteckt hatten. Außerdem verlor die deutsche Offensive an Schwung. Eine sensationeller Erfolg konnte trotzdem gemacht werden: Einundzwanzig deutsche Gebirgsjäger erstiegen am 21. August die Spitze des Elbrus: den mit 5633 Metern höchsten Gipfel des Kaukasus. Trotzdem waren die Deutschen am Ende ihrer Kräfte. Die Front war hoffnungslos überdehnt. Der Nachschub blieb aus. Die Wehrmacht kam nicht mehr voran. Während die Truppen im Kaukasus stecken geblieben waren, kam auch die Sechste Armee in Richtung Stalingrad nur sehr schleppend voran. Dennoch erreichten Vorausabteilungen am 26. Juli den Don nordwestlich von Kalatsch, Stalingrad lag kaum mehr als 70 km entfernt. Bei Kalatsch versperrte die 62. Armee der Sechsten Armee den kürzesten Weg nach Stalingrad. In einer der letzten Umklammerungsoperation konnte die 62. Armee eingeschlossen und vernichtet werden. Der Kampf um die nur 60 km breite Landzunge war entschieden. Am 23. August erreichten die Spitzen der 16. Panzerdivision bei Rynok die Wolga. Die Soldaten der 16. Panzerdivision konnten die zu ihren Füßen liegende Stadt betrachten. Die Rote Armee leistete jedoch noch zwei weitere Wochen Widerstand, der später noch große Bedeutung erhalten würde. Sofort nach Erreichen der Wolga begannen die Deutschen, einen Brückenkopf zu bilden. Soldaten der 16. Panzerdivision hatten einen 3 km breiten Korridor in die sowjetische Verteidigung gerissen und waren in die nördlichen Vororte Stalingrads eingedrungen. Das war das erste Mal, dass deutsche Panzer am Ufer der Wolga standen. Nun warteten die Soldaten auf ihre nachrückenden Kameraden und auf die bevorstehenden sowjetischen Angriffe. Eine Woche wurde der Brückenkopf gegen die Sowjets verteidigt. Die 22. sowjetische Armee versuchte, mit zunehmender Stärke den Brückenkopf abzutrennen. In der Nacht zum 24. August begannen die ersten konzentrierten Luftangriffe auf Stalingrad. 600 Maschinen luden ihre tödliche Last ab. Zuerst brannte das Industrieviertel. 40000 Tote verursachte das Bombardement, doch die Verteidiger verzichteten auf eine Evakuierung. Das Telefonnetz war zusammengebrochen. Nur noch Funkverkehr wurde aufrecherhalten, über den Andrej I. Jeremenko mit dem Kreml über eine Räumung des Wohnviertels beratschlagte. Doch Stalin lehnte das Ansinnen seines Oberbefehlshaber in Stalingrad kategorisch ab: "Darüber wollen wir gar nicht reden. Man muss verstehen, dass, wenn wir mit der Evakuierung beginnen und die Sprengung der Objekte vorbereiten, alle denken, wir wollen Stalingrad aufgeben. Das Oberkommando verbietet daher die Evakuierung." Jeremenko gehorchte. Die Vororte Stalingrads wurden zur Verteidigungszone erklärt. Wie ein Jahr zuvor Moskau, bereitete sich nun Stalingrad auf eine Verteidigung der Stadt vor. Minengürtel wurden gelegt, Schützengräben angelegt. Zur gleichen Zeit verteidigten die Deutschen, noch immer, ihren Brückenkopf. Über 30 km lang, aber nur 5 km breit zog sich die Stadt am Wolgaufer entlang. Stalingrad war des industrielle Herz des Südens. Alleine in der Stahlgießerei "Roter Oktober" waren 20000 Arbeiter beschäftigt. Stalingrad war des Zentrum der Schwerindustrie, aber auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die Stadt an der Wolga hatte im August 1942 für beide Seiten auch symbolische Bedeutung gehabt. Mit der Eroberung Stalingrads wollte der Führer im August 1942 die endgültige Entscheidung erzwingen. Die Lage der Wehrmacht war allerdings außerordentlich prekär - mit hohen Verluste, Nachschubproblemen und einer total überdehnten Front. Genau das Gegenteil war die Situation auf Seiten der Sowjetunion. Zum Kampf um Stalingrad war die Sechste Armee unter General Paulus angetreten. Sie wurde von der 4. Panzerarmee General Hoths unterstützt. Der deutschen Streitmacht stand die 62. Armee unter Generalmajor Kolpaktschi, die 63. unter Generalleutnant Kusnezow und die 64. Armee unter Generalleutnant Tschuikow entgegen. Eine deutsche Armee gegen vier Sowjetische Armeen ein Kräfteverhältnis von vier zu eins? So einfach war es natürlich nicht. Man muss natürlich wissen, dass eine sowjetische Armee wesentlich kleiner war als eine deutsche. Eine sowjetische Armee setzte sich aus vier bis fünf Divisionen zusammen. Eine deutsche Armee bestand in der Regel aus vier Korps, von denen jedes drei bis vier Divisionen umfasste. Also entsprach eine sowjetische Armee einem deutschen Korps. Um Stalingrad zu erobern, hatte Hitler das Beste aufgeboten, was die Wehrmacht zu bieten hatte. "Mit der Sechsten Armee kann ich den Himmel stürmen", erklärte Hitler, "Die Stadt soll bis zum 25. August genommen werden". In Stalingrad erlebte die Sechste Armee jedoch die Hölle. Am 25. August 1942, dem Tag an dem die Stadt längst in deutscher Hand hätte sein müssen, erreichten deutsche Vorauskommandos erstmals die Wolga und bildeten bei Rynok einen Brückenkopf, den sie gegen die sowjetischen Soldaten halten mussten. Im Süden bereitete sich die 4. Panzerarmee auf eine endgültige Eroberung der Stadt vor. Bei Abganow hatten Hoths Panzer bereits den äußeren Verteidigungsgürtel erreicht, den sie durchbrachen, um bis zum inneren Verteidigungsgürtel vorzustoßen. Jedoch hatten die Deutschen nicht nur mit Gegenwehr zu kämpfen, überall prägten tiefe Erdspalten das Gelände, Nebenflüsse des Don und der Wolga durchschnitten das Land. Diese geographischen Gegebenheiten schufen glänzende Vorraussetzungen für die Verteidiger. Rotarmisten verschanzten sich in diesem unwirtlichen Gebiet, so das die Deutschen kleine Fallschirmjägergruppen hinter der Front abzusetzen, um diese Widerstandsnester zu räumen. In Wehrmachtsberichten findet man häufig Vokabeln wie "Starke Abwehr", "tapferer Widerstand", ein Beweis für die hartnäckige Gegenwehr der Sowjets. Die Zeit lief gegen die Deutschen, ihnen blieben lediglich 5 Wochen bis zum Einsetzen der Herbststürme und der folgenden Schlammperiode. Was das für Konsequenzen haben würde war der Wehrmacht seit Moskau bekannt. Doch Ende August standen Hoths Panzer immer noch vor dem Verteidigungsring und kamen nicht weiter. Hoth erkannte, dass er seine Kräfte anders verteilen musste. Hoth gruppierte seine Panzer von Abganow nach Gawrilowka um, wo dann auch der Durchbruch erfolgte. Die 62. Armee und die 64. Armee der Sowjets waren von einer Einkesselung bedroht. Also ließ Jeremenko diese Armeen sich zurückziehen und gab so den äußeren Verteidigungsgürtel auf, doch er rettete zwei Armeen. Beide Armeen zogen sich in den Stadtkern zurück. Am 3. September trafen sich die beiden deutschen Zangenarmeen. Paulus hatte einen Tag nach dem Rückzug der beiden sowjetischen Armeen den Befehl gegeben, vorzustoßen. Um einen schnellen Vorstoß zu gewährleisten, hatte er Hoths Panzerspitzen in zwei Zangen aufteilen lassen, die schwere Verteidigungsnester umgingen und so die Stadt einkesselten. "Genossen von Stalingrad! Wir werden den Deutschen unsere Vaterstadt nicht zum Spott preisgeben. [...] Jedes Haus, jede Straße machen wir zu einer uneinnehmbaren Festung...". Es war der 25. August - der Tag an dem deutsche Vorauskommandos die Wolga erreichten, an dem dieser Aufruf des Verteidigungskommando an die Stalingrader weitergeleitet wurde. Gleichzeitig wurde der Belagerungszustand über die Stadt verhängt. Die Verteidigung in Stalingrad organisierte Generaloberst Andrej I. Jeremenko. Politischer Kommissar war Nikita Chruschtschow, der spätere Generalsekretär der KPdSU und erster Mann der Sowjetunion. Stalins Parole an die Eingeschlossenen lautete "keinen Schritt zurück". So bereiteten sich die Belagerten auf einen harten Kampf vor, hier fiel die Entscheidung ob Sieg oder Niederlage. Am 9. September wurde die Eisenbahnlinie Astrachan-Moskau von der Wehrmacht erobert. Somit war die Versorgung der Stadt von außen abgeschnitten. Am 12. September hatten die deutschen Soldaten die tapfer kämpfenden Rotarmisten ins Zentrum zurückgedrängt. Zwei Tage später hatten sich Verbände der 71. Infanteriedivision ins Zentrum Stalingrads vorgekämpft. Mitte September standen nach härtesten Kämpfen die Verteidiger mit dem Rücken zur Wolga. Von einem Blitzkrieg wie in Frankreich konnte wahrlich nicht gesprochen werden, jeder erkämpfte Meter den die deutschen Landser eroberten wurde blutig gezollt. Am selben Tag begann die Offensive gegen das Stadtzentrum, den Mamai-Hügel und das Ufer der Wolga. Die BBC schilderte ihren Hörern Anfang Oktober die noch immer mit unverminderten Härte geführten Kämpfe: "Polen wurde in 28 Tagen erobert. In 28 Tagen eroberten die Deutschen in Stalingrad einige Häuser. Beim Kampf um Stalingrad handelte sich es nicht um eine offene Feldschlacht, Der Kampf um Stalingrad war eine Materialschlacht, ein Graben- und Stellungskrieg. Stalingrad wurde damals nicht ganz zu unrecht als "Russisches Verdun", "Rotes Verdun" bezeichnet. Die Kämpfe wurden wahrlich grausam geführt, Angriffe auf feindliche Stellungen wurde von Stukas (Sturzkampfbomber) geführt. Sie bombten die Stadt in Schutt und Asche. Die Sowjets versuchten vergeblich, die deutsche Lufthoheit zu brechen. Durchschnittlich bis zu 1000 Einsätze flogen die Piloten des 8. Fliegerkorps. Am Boden lagen sich die Stellungen bald nur noch ein bis zwei Meter gegenüber. Mit aufgepflanzten Bajonetten kam es zum Nahkampf Mann gegen Mann. Der Gebietsgewinn war gering. Hatten deutsche Kommandos ein Gebäude erobert, war oft schon nach nur zwei Stunden wieder in russischem Besitz. Der Hauptbahnhof wechselte allein viermal an einem Tage den Besitzer. Während die Deutschen scheinbar unaufhaltsam, aber auch durch den Häuserkampf verlangsamt, weiter vorstießen, wurde die Lage der Heeresgruppe A immer prekärer. Die Front war total überdehnt, die Kräfte reichten an allen Enden und Ecken nicht aus. Dies war ein Zeichen dessen, dass die Ziele Hitlers im Kaukasus und am Don nicht mehr zu verwirklichen waren. Die Differenzen zwischen seinen Generälen und dem "größten Feldherrn aller Zeiten" wurden immer größer. "Es geht nicht mehr, wenn ich das schon höre", schimpfte Hitler. Durch ständige Kritiken am Vorgehen des Führers wechselte Hitler mit schwerwiegenden Folgen seine Offiziere aus. Sein Generalstabschef Halder, einer der größten Kritiker Hitlers, wurde durch Generalmajor Zeitzler, einem Hitler total untergebenen, ersetzt. Durch Hitlers Auswechselungen wurden die letzten Offiziere die noch ein wenig Kritik übten, beseitigt, und durch einen Haufen Träumer, die, wie der Führer selbst noch an den Endsieg glaubten, ersetzt. Am 13. September wurden der Generalstabschef Alexander Wassilewski und der stellvertretende Oberbefehlshaber Georgi Schukow in den Kreml beordert. Während in Stalingrad gerade die Mamai-Offensive der Deutschen anlief, legten die beiden Generäle Stalin Pläne für eine Gegenoffensive im Raum Stalingrad vor. Die Gegenoffensive erhielt den vorläufigen Decknamen "Uran". Die Pläne sahen vor, mit einer aus zwei Armeen bestehenden Zange die Deutschen in Stalingrad einzukesseln. Aus Belagerern würden Belagerte. Von Serafimowitsch am oberen Don aus sollte ein sowjetischer Keil durch die deutschen Linien getrieben werden, um so der Sechsten Armee den Rückzugsweg abzuschneiden. Die deutschen Truppen in Stalingrad mussten sich beeilen, wenn sie noch vor Wintereinbruch Stalingrad in ihrer Gewalt haben wollten. In einer entscheidenden Offensive konnte Paulus große Gebietsgewinne verzeichnen. Doch am 6.Oktober musste die Offensive eingestellt werden. Es folgte eine kurze Atempause, am 14.Oktober begann eine erneute Offensive. Nun war der gesamte Nordteil Stalingrads in deutscher Hand. Der Großteil der Verteidiger war zurückgedrängt. Die letzten Reste hatten sich festgekrallt, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis die Deutschen diese Stellungen auch überrennen würden. Mittlerweile kontrollierten die Deutschen 90 % Stalingrads, man erkannte aber nicht, was sich außerhalb Stalingrads abspielte. Während die deutschen Soldaten die letzten Reste der Verteidiger überranten, begann der sowjetische Aufmarsch in den Wäldern von Kremskaja, "Operation Uran" lief an. Der Aufmarsch sollte mit größter Geheimhaltung erfolgen, doch General Paulus erfuhr von dem sowjetischen Unternehmen. Er wollte die Kampfhandlungen in Stalingrad beenden, die Sechste Armee zurücknehmen und die Flanken stabilisieren. Doch Hitler verweigerte Paulus ein Zurücknehmen der Truppen. Indes war der Angriffstermin für "Uran" auf den 9.November festgelegt. Das Oberkommando der Wehmacht vermochte es nicht, aus den Signalen, die sich im Süden abspielten, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Am 19. November war es soweit. In einem Befehl an die Truppen wandte sich der Kriegsrat der Stalingrader Front an die Soldaten: "Die Stunde der Abrechnung mit dem gemeinen Feind ist gekommen. Ich befehle den entschlossenden Angriff gegen die deutsch-faschistischen Okkupanten. Vernichtet den Feind und erfüllt eure Pflicht vor der Heimat". Die sowjetische Gegenoffensive begann im dichten Schneegestöber. Von zwei Seiten trat die Rote Armee zum Angriff an. Es war 5.50 Uhr. An dem Tag, an dem Stalingrad in die Hände der Wehrmacht fiel, begann die Offensive. Die weit überlegenen russischen Truppen überranten die italienischen und rumänischen Verbände, die die Wehrmacht in diesem Frontabschnitt unterstützten. Nach nur vier Tagen schnellen Vorstoßes trafen sich die Spitzen der beiden Zangenarmeen. Der Ring um die 6.Armee hatte sich geschlossen. Der Führer war ratlos, "Abwarten und Aushalten", waren seine Befehle. Die einzige Versorgungslinie nach Stalingrad verlief über eine Brücke bei Kalatsch. Sollte diese Brücke fallen, hätte dies fatale Konsequenzen. Dies war natürlich auch den Sowjets bekannt. Deshalb schickten sie auch gleich zwei Panzerkorps dorthin. Die dort stationierten Rumänen hatten keine Chance. Sie wurden überrannt, und die Brücke fiel den Sowjets zu. Nun war die Sechste Armee von der Versorgung abgeschnitten. Während sie eingeschlossen war, weilte der Führer im Urlaub im Berchtesgadener Land. Im Oberkommando der Wehrmacht herrschte vier Tage lang Beunruhigung. Generaloberst von Weichs hatte den Befehl zur Einstellung der Kämpfe in Stalingrad befohlen. Auf einer Fläche von 1500 km waren rund 300000 Mann mit 1800 Geschützen, 10000 Transportfahrzeugen eingekesselt. Paulus hatte um einen Ausbruchs-versuch erbeten, dies hätte das Aufgeben Stalingrads und der Nordfront bedeutet. Alle waren sich einig, dass dies die vernünftigste Lösung wäre, doch Hitler war anderer Meinung. Indes zog sich der Ring immer enger, die Versorgung war katastrophal. Nochmals bat Paulus um den Ausbruch, diesmal mit Unterstützung seiner kommandierenden Generäle und seines Stabes. Zeitzler versicherte, mit Hitler zu reden und zeigte sich optimistisch Hitler umzustimmen. Doch am Morgen des 24. Novembers traf eine Nachricht des Führers ein, die alle Hoffnungen zunichte machte. In dem Führerentscheid hieß es, dass die Front zu halten sei. Das war das Verbot eines Rückzuges. "Ein Aufgeben von Stalingrad würde den Verzicht auf den wesentlichen Erfolg der Offensive dieses Jahres bedeuten. Es muss daher mit allen verfügbaren Mitteln angestrebt werden, Stalingrad zu halten und die Verbindung mit der Sechsten Armee wieder herzustellen". Diesen Befehl sollte Generalfeldmarschall von Manstein durchführen. Dabei konnte er auf die Reste der 3. und 4. rumänischen Armeen, die 4. Panzerarmee und auf die Sechste Armee zurückgreifen. Vorraussetzung war, dass sich die Sechste Armee halten konnte. Um dies zu gewährleisten, wurde diese aus der Luft versorgt. Doch auch die Luftversorgung half nicht, da die Luftwaffe viel zu klein war, um 300000 Soldaten zu versorgen. Doch Göring war anderer Auffassung und prahlte vor Hitler das seine Luftwaffe das Problem lösen könne. Noch immer wurde versucht Hitler, umzustimmen, immer ohne Erfolg. Hitler befahl der Sechsten Armee, sich einzuigeln. Doch ein Mann missachtete den Befehl Hitlers, General von Seydlitz. Ihm unterstand das 51. Armeekorps. Die kämpfte an der Wolga- und Stadtfront. In der Nacht zum 23. November zog er seine Soldaten auf eine besser zu verteidigende Stellung zurück. Doch Seydlitz' Aktion endete in einem Desaster. Rotarmisten stießen sofort nach, besetzten die Stellungen und fügten der 94. Infanteriedivision schwere Verluste zu. Dies bestärkte Hitler in seinem Glauben, Stalingrad nicht aufzugeben. Indes hatte anderorts Göring damit zu kämpfen, wie er das Problem Stalingrad lösen konnte. Tatsache war, dass die Luftwaffe viel zu wenig Flugzeuge hatte. Auch nach Flottmachung alter Maschinen verbesserte sich die Lage kaum. Außerdem hatten die Sowjets Flakbatterien an den Flugrouten der Luftwaffe installiert und störte so den Flugverkehr erheblich. Viele Maschinen fielen aus, und die Versorgung der Sechsten Armee gestaltete sich immer schwieriger. Zudem fielen den Sowjets immer mehr Flugplätze in die Hände. Endlich, am 2. Dezember, begannen die Vorbereitungen für einen Entsatzungsangriff. Der Auftrag an Generaloberst Hoth lautet: "Stellen sie ostwärts des Don auf kürzestem Wege die Verbindung zur Sechsten Armee her". Für diese Operation konnte Hoth auf die 4. Panzerarmee und Reste der 4. rumänischen Armee zurückgreifen. Zudem waren Hoth neue "Tiger"- Panzer zur Verfügung gestellt worden. In den frühen Morgenstunden des 12. Dezembers stießen deutsche Panzer von Kotelnikow aus in Richtung Stalingrad vor. Rund 120 km mussten sie zurücklegen. Als die Panzer die Front erreichten und angriffen, waren die Sowjets zunächst von der Wucht des Angriffes überrascht. Die erste Gegenwehr wurde überrannt, in drei Tagen konnten 50 km zurückgelegt werden. Unaufhaltsam ging der Vormarsch weiter. Nach fünf Tagen geriet dieser aber ins Stocken, denn Generaloberst Jeremenko hatte Stalins Eliteeinheit, die 2. Gardearmee, Hoths Panzern entgegengestellt. Trotzdem erreichten Hoths Panzer den Treffpunkt, wo man sich vereinen wollte. Man wartete nur noch auf Hitlers Befehl, dass die Sechste Armee den Panzern entgegen kommt. Manstein funkte dreimal ins Führer Hauptquartier, doch Hitler zögerte. Am 24. Dezember mussten Hoths Panzer jedoch aufgeben und sich zurückziehen. Somit war die letzte Chance für die Rettung der Sechsten Armee vertan. Mit Anbrechen eines neuen Jahres bereiteten sich die Sowjets auf eine entgültige Zerschlagung der Feindkräfte vor. Am 8.Januar wurde Paulus angeboten zu kapitulieren, doch Hitler hatte angeordnet auszuhalten, um die russischen Kräfte bei Stalingrad konzentriert zu halten. Am 10.Januar begann der sowjetische Angriff, der den Kessel in zwei Teile spaltete. Pitomnik, der wichtigste Flughafen fiel den Sowjets in die Hände. Die Wehrmacht konnte den Rotarmisten keinen Widerstand leisten. Die Sechste Armee stand ihrer Auflösung nahe. Überall kämpften nur noch einzelne Grüppchen. Am 22. Januar fiel der letzte Flugplatz Gumrak. Am 31. Januar näherten sich sowjetische Einheiten dem Hauptquartier der Sechsten Armee. Paulus setzte einen letzten Funkspruch ab: "Die Sechste Armee hat getreu ihrem Fahneneid für Deutschland bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone eingedenk ihres hohen und wichtigen Auftrag die Position für Führer und Vaterland bis zuletzt gehalten". Danach begab er sich in Gefangenschaft. Hitler tobte, ein deutscher Generalfeldmarschall ergebe sich nicht. Zwei Tage nach Paulus' Kapitulation ergab sich auch der südliche Kessel. Eine Dreiviertelstunde später verließ ein letztes Lebenszeichen der Sechsten Armee den Kessel: "Der Russe dringt kämpfend in Traktorenwerk ein, es lebe Deutschland". Vereinzelt wurde noch immer weiter gekämpft, doch als am 3. Februar ein deutsches Versorgungsflugzeug über Stalingrad kreiste, fand seine Besatzung am Boden alles ruhig. Die Waffen schwiegen in den Ruinen von Stalingrad.
Mehr als 300000 Soldaten waren im Sommer 1942 angetreten Stalingrad zu erobern, 110000 Soldaten hielten die zweieinhalb Monatige Belagerung durch.

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